08. Dezember 2025 · Fokus · 7 Min. Lesezeit
Warum Multitasking dich langsamer macht
Was beim gleichzeitigen Erledigen mehrerer Dinge wirklich passiert und wie du dir den unsichtbaren Preis des Umschaltens sparst.
08. Dezember 2025 · Fokus · 7 Min. Lesezeit
Was beim gleichzeitigen Erledigen mehrerer Dinge wirklich passiert und wie du dir den unsichtbaren Preis des Umschaltens sparst.
KI-generiert
Multitasking klingt nach einer Fähigkeit, fast nach einer Stärke. Viele Menschen sind sogar ein wenig stolz darauf, gleichzeitig zu telefonieren, zu tippen und nebenbei die Nachrichten im Blick zu behalten. Das Gefühl dabei ist trügerisch. Es fühlt sich produktiv an, weil ständig etwas passiert. Aber Betriebsamkeit ist nicht dasselbe wie Fortschritt, und beim Multitasking liegen die beiden weit auseinander.
Was wir Multitasking nennen, ist meist gar kein gleichzeitiges Arbeiten. Dein Gehirn kann sich in einem Moment nur auf eine anspruchsvolle Sache konzentrieren. Was wirklich passiert, ist ein schnelles Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben. Du schaltest um, immer und immer wieder, oft so schnell, dass du es kaum bemerkst.
Dieses Umschalten ist nicht kostenlos. Jedes Mal, wenn du wechselst, muss dein Kopf den alten Zusammenhang loslassen und den neuen aufbauen. Die Psychologin Sophie Leroy hat dafür einen Namen gefunden: den Aufmerksamkeitsrest, im Original „attention residue“. In ihrer Untersuchung von 2009 zeigte sie, dass ein Teil deiner Aufmerksamkeit noch bei der vorherigen Aufgabe hängt, wenn du zur nächsten springst. Besonders stark ist dieser Rest, wenn du die erste Sache unfertig zurücklässt. Du bist also nie ganz da, weder beim einen noch beim anderen.
Wie sich das anfühlt, kennst du vermutlich. Du schreibst an einer Mail, die etwas Sorgfalt braucht, da klingelt das Telefon. Nach dem Anruf sitzt du wieder vor dem halben Text und liest erst einmal, was du überhaupt schon geschrieben hast, um den Faden zu finden. Diese dreißig Sekunden Rücklauf stehen auf keiner Uhr, und trotzdem fallen sie an, bei jedem Wechsel neu.
Der Preis zeigt sich auf drei Weisen, und keine davon steht auf einer Rechnung.
Besonders tückisch ist, dass sich der Preis gut versteckt. Du merkst nicht, wie viel länger du gebraucht hast, weil du keinen Vergleich hast. Du weißt nicht, wie schnell dieselbe Arbeit in einem Stück gegangen wäre. Genau deshalb hält sich der Eindruck, Multitasking sei effizient: Der Aufwand ist sichtbar, der Verlust bleibt unsichtbar.
Wenn Multitasking so teuer ist, warum tun wir es dann so gern? Ein Grund ist, dass das Umschalten selbst belohnend wirkt. Jede neue Nachricht, jeder neue Reiz gibt einen kleinen Kick, ein Gefühl von Frische. Woher dieser Sog kommt und warum gerade das Handy so zuverlässig daran zieht, steht im Essay über digitale Ablenkung. Konzentriert an einer schwierigen Sache zu bleiben fühlt sich dagegen zäh an, gerade wenn sie anstrengend wird.
So entsteht eine Gewohnheit, die sich selbst nährt. Sobald die Arbeit unbequem wird, springt der Kopf weg zu etwas Leichterem, und das Springen fühlt sich wie Bewegung an. In Wahrheit ist es eine Flucht, die dich langsamer macht.
Der Ausweg ist nicht, verbissen zu werden, sondern deine Arbeit so zu ordnen, dass du seltener umschalten musst. Ein paar ruhige Gewohnheiten helfen.
Ein konkretes Beispiel macht den Unterschied greifbar. Nimm einen Vormittag, an dem zwanzig Mails, drei Rückrufe und ein Bericht warten. Der zersplitterte Weg wäre, jede Mail sofort zu lesen, zwischendurch zurückzurufen und am Bericht immer nur ein paar Sätze zu schreiben. Der gebündelte Weg legt den Bericht in den ersten, geschützten Block, sammelt die Mails in ein festes Fenster danach und die Rückrufe in ein zweites. Dieselbe Menge Arbeit, aber statt fünfzig kleiner Wechsel gibt es drei große. Genau diese Wechsel sind es, die Zeit fressen, nicht die Aufgaben selbst.
Diese Schritte klingen unspektakulär, und das sind sie auch. Ihr Wert zeigt sich erst über die Zeit, wenn du merkst, dass du weniger gehetzt bist und trotzdem mehr fertig wird.
Es gibt ein Missverständnis, das viele vom konzentrierten Arbeiten abhält: die Sorge, langsam zu wirken, wenn man nur eine Sache tut. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Wer eine Aufgabe in einem Zug durchzieht, ist am Ende fast immer schneller fertig als jemand, der zwischen fünf Dingen pendelt. Wie ruhig sich das anfühlt, wenn du bewusst eine Sache nach der anderen nimmst, beschreibt der Essay über Monotasking.
Die eigentliche Kunst besteht darin, dem Drang zum Umschalten nicht sofort nachzugeben. Der Impuls, kurz woanders hinzusehen, kommt und geht. Wenn du ihn ein paar Mal vorüberziehen lässt, ohne zu reagieren, verliert er an Kraft, und du bleibst länger bei der Sache. Diese Fähigkeit, die Aufmerksamkeit freundlich zurückzuholen, lässt sich üben.
Multitasking verspricht, mehr in weniger Zeit zu schaffen, und liefert das Gegenteil. Wenn du wieder eine Sache nach der anderen tust, gewinnst du nicht nur Zeit, sondern auch die Ruhe, das Ergebnis überhaupt zu bemerken. Wie du daraus geschützte Räume für konzentriertes Arbeiten machst, steht im Essay über Deep Work.
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